Samstag, 25. November 2017

Rezension: "Schneepoet" von Nika Sachs

Ich habe heute endlich mal wieder eine Rezension für euch, noch dazu eine ganz besondere. Denn "Schneepoet" von Nika Sachs ist nicht irgendein Buch. Nein, es ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass auch Selfpublisher es drauf haben – und wie!

"Knapp acht Jahre habe ich mit einer einzigen Nachricht weggeworfen. Aus und vorbei, Beziehungsende und Nervenkoller. Basta Mista – gemischte Katastrophe für zwei Personen."

Story


Luc steht am Scheideweg: Er hat seine große Liebe Inga verlassen und lebt jetzt bei seinem Zwillingsbruder Silas in Frankreich – der mehr oder weniger die Wurzel der Trennung darstellt. Denn dass der chaotisch-depressive Luc einen übertrieben rationalen Bruder hat, der eigentlich selbst in einer emotionalen Sackgasse sitzt, davon weiß in Deutschland niemand etwas. Nicht einmal Inga. Luc stürzt sich in zahllose Sexabenteuer und Drogenexzesse, während er irgendwie versucht, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Aber er kann Inga einfach nicht vergessen ...

Charaktere


Mit Luc bzw. Lukas, aus dessen Sicht der Roman in Form von Tagebucheinträgen erzählt wird, hat Nika Sachs einen vielschichtigen Protagonisten geschaffen, der seinesgleichen sucht. Obwohl man ihn stellenweise für seine dummen Entscheidungen ohrfeigen möchte, schließt man den Chaoten gleichzeitig ins Herz und hofft, dass er noch irgendwie die Kurve kriegt. Luc ist eine Identifikationsfigur, vielleicht keine, mit der man sich als Leser gerne identifizieren möchte, aber immer wieder wird einem als Leser bewusst, wie erschreckend nahe seine Probleme am eigenen Leben sein können.

Ähnlich ist es mit Silas; er präsentiert sich dem Leser in Lucs Erzählung zunächst reserviert, was perfekt seinen Charakter widerspiegelt. Denn unter der Fassade des kontrollierten Spießers steckt ein emotionales Wrack, das zwar anders, aber nicht weniger als Luc unter den Lebensumständen leidet. 

Die hyperaktiven Zwillingsbrüder, die als Kinder getrennt aufwuchsen, weil es so für die Familie vermeintlich leichter war, versuchen auf ganz unterschiedliche Weise das Leben und die Liebe zu meistern. Auch wenn sich daraus extreme Situationen ergeben, driftet die Geschichte niemals ins Absurde ab – höchstens genial absurd. Denn Nika Sachs' Charaktere sind stets echt, ungeschönt und deshalb auf ihre verkorkste Art so liebenswert.

Inga ist das Nonplusultra in Lucs Gedankenwelt und wir lernen sie daher zunächst passiv kennen, so wie Luc sie geliebt hat. Das macht neugierig darauf, wie Inga denn nun wirklich ist. Kleiner Tipp am Rande: Im Prequel-Roman "Am Horizont schwarz" erzählt Nika Sachs aus Ingas Sicht die Beziehung zu Luc vor dem Scheitern – das Buch erscheint im Dezember bei Twentysix.

Auch die Nebencharaktere in "Schneepoet" sind abwechslungsreich und vielschichtig konstruiert. Niemand ist perfekt oder hundertprozentig sympathisch – so wie im echten Leben. Einigen hätte ich mehr Raum gewünscht, aber da ja noch Fortsetzungen folgen, kann das vielleicht auch noch werden.

Schreibstil


An dieser Stelle muss ich Nika Sachs' Schreibkünste ganz groß loben. Schon ihre Novelle "Namenlos" hat mich gepackt und umgehauen. Sicher ist der Stil der Autorin zunächst gewöhnungsbedürftig, hebt er sich doch vom Einheitsbrei auf kluge, witzige und modern-poetische Art ab. Nika Sachs spielt mit der Sprache und traut sich etwas. Damit wird sie sicherlich auch polarisieren, aber allein die frische Art, wie die Geschichte erzählt wird, macht sie schon so lesenswert. Der Wortwitz in "Schneepoet" hat mich nicht nur einmal laut auflachen lassen oder tief ins Herz getroffen.

Dadurch, dass der Roman in Tagebuchform von Luc erzählt wird, ist der Leser ihm unglaublich nahe. Seine Gedanken sind hart, ehrlich, aber nie ohne Witz und das tut dem Roman und seinen schweren Themen extrem gut. Mit dieser Ausgewogenheit beweist Nika Sachs Feingefühl und lässt ihre unperfekten Charaktere glaubhaft wirken.

 Lesevergnügen


Dieser Roman thematisiert und verbindet verschiedenste Elemente, die man in dieser Glaubhaftigkeit und noch dazu eingebettet in eine gute Rahmenhandlung, erst einmal finden muss: Familiendrama, Depression, gescheiterte Beziehung, Selbstfindung, Sex, Drogen – fernab von Friede-Freude-Eierkuchen-Lovestories, euphemistischen Lebensdarstellungen oder "50 Shades of Grey" und anderen Pseudo-SM-Konsorten. Sicher keine leichte Kost für zwischendurch und dennoch liest sich "Schneepoet" ganz einfach weg und bleibt dabei noch lange im Gedächtnis. Das Vorwort der Autorin unterstreicht, wie wichtig ihr der sensible Umgang mit der Thematik ist und dass gewisse Dinge einfach nicht romantisiert werden sollten, was in bestimmten Sparten der Belletristik leider viel zu häufig der Fall ist.

Fazit: Ich habe mit Luc gelitten und gelacht und damit schafft "Schneepoet" von Nika Sachs das, was ein gutes Buch ausmacht. Beste Unterhaltung mit wichtigen Botschaften auf hohem Niveau – natürlich immer mit einem gewissen Augenzwinkern. Daher kann ich gar nicht anders, als "Schneepoet" fünf Leseratten zu geben.
P.S.: Im Frühjahr 2018 erscheint die Fortsetzung und ich kann euch jetzt schon sagen: Es lohnt sich.

Bis dahin


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